Ana Lehaci

Kanutin

Ihre Karriere im Kanufahren wurde Ana Lehaci gewissermaßen in die Wiege gelegt, denn auch ihre Mutter und ihr Vater blicken auf eine erfolgreiche Berufslaufbahn im Leistungssport zurück. Obwohl die Linzerin anfänglich nicht geplant hatte, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, scheint es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. So kann die Kanutin inzwischen zahlreiche Medaillen vorweisen. Zusätzlich bewies sie ihr herausragendes sportliches Talent mit ihrer Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Rio und Tokio in den Jahren 2016 und 2021. Dabei ist sie nicht nur im Einer-Kajak unterwegs, sondern zeigt darüber hinaus im Zweier-Kajak mit ihrer Kollegin Viktoria Schwarz echten Teamgeist. Der hohe Stellenwert, den Mut und Selbstvertrauen im professionellen Sport einnehmen, ist Ana Lehaci durchaus bewusst. Aber auch abseits von Wettkämpfen ist es ihr wichtig, jungen Menschen vorzuleben, selbstbestimmt zu sein und sich nicht mit anderen zu vergleichen. Die junge Frau möchte zudem ihre Sichtbarkeit als Sportlerin dafür nutzen, Menschen für Bewegung zu begeistern und demonstriert dadurch, wie gewissenhaft sie mit ihrer Vorbildfunktion umgeht.

Interview

Frau Lehaci, wie kam es, dass Sie Leistungssportlerin geworden sind?

Dass ich Leistungssportlerin werde, war eigentlich nie angedacht. Mein Vater und meine Mutter sind 1998 nach Linz gekommen. Beide waren in der rumänischen Nationalmannschaft Kajakfahrer und international sehr erfolgreich. Sie haben mich eigentlich nie im Sport gesehen. Ich bin nur spaßhalber mit ihnen mitgefahren und habe mir Ihre berufliche Tätigkeit einfach angeschaut. Aber dann hat es mir tatsächlich Spaß gemacht und so bin ich dabeigeblieben. Glücklicherweise bin ich sehr ehrgeizig und verliere ungern – somit ist der Leistungssport für mich passend. Oft ist es nicht leicht, weil es sehr stressig sein kann. Es sind auch viele Emotionen mit meinem Beruf verbunden – etwa, wenn einmal eine Niederlage eintritt, aber da muss man drüberstehen. Mein sportlicher Werdegang ist recht geradlinig. Ich habe mit zehn Jahren mit dem Kanufahren begonnen, als 15-Jährige habe ich in den Leistungssportzweig des BORG Linz gewechselt und konnte dann auch in der Früh professionell trainieren. Als Juniorin habe ich einige Medaillen bei Junioreneuropa- und Juniorenweltmeisterschaften gewonnen, meine erste Weltcupmedaille bekam ich mit 18 im Einer über 500 Meter. Mittlerweile habe ich 20 Weltcup-Medaillen und vier Weltcup-Siege. 2016 bin ich bei den olympischen Spielen in Rio im Doppel elfte geworden und letztes Jahr in Tokio zwölfte.

Was macht das Kanufahren als Profession für Sie besonders?

Kanufahren ist für mich einfach ein wunderschöner Sport, der mir Spaß macht: Es macht mir Spaß, der jungen Generation etwas weiterzugeben und es macht mir Spaß, draußen in der Natur zu sein. Gleichzeitig ist es für mich aber auch sehr wichtig, einen Ausgleich zum Sport zu schaffen und mir ein zweites Standbein aufzubauen. Ich habe während meiner Karriere studiert und mich weitergebildet, weil man nie weiß, was die Zukunft bringt. Man weiß nicht, ob der Körper vielleicht einmal nicht mitspielt. Dieses zweite Standbein war mir und meinen Eltern immer sehr wichtig und dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar.

Wie definieren Sie für sich Ihre Rolle als Sportlerin, aber auch als Person, die in der Öffentlichkeit steht?

Meine für mich wichtigste Funktion im Sport ist die Vorbildfunktion für Kinder, aber auch für (junge) Erwachsene, weil Sport sehr wichtig ist. Damit meine ich nicht unbedingt Leistungssport, sondern es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass Bewegung gesund ist. Sie ist ein guter Ausgleich im Alltag und reduziert Stress. Ich finde, man bekommt durch Sport einen freien Kopf, wodurch man vielleicht auch anders handelt. Das ist das Schöne und Wichtige an Bewegung und in dieser Funktion als Vorbild sehe ich auch meine Rolle in der Öffentlichkeit. Ich sehe mich also nicht nur als Leistungssportlerin. Natürlich ist es wichtig, in erster Linie gute Ergebnisse zu erzielen und Österreich international gut zu vertreten. Aber als Vorbild zu dienen und Menschen zur Bewegung zu bringen, finde ich einfach am wichtigsten. Damit Menschen verstehen, dass Bewegung kein Muss ist, sondern etwas Schönes und ein Privileg.

Finden Sie, dass Frauen und Männer im Sport unterschiedlich behandelt werden und wie äußert sich dieser Unterschied?

Dadurch, dass ich mit meiner Kollegin im Doppel fahre und wir von meinem Vater, der unser Trainer ist, trainiert werden, ist das Thema Ungleichbehandlung bei uns eigentlich relativ wenig präsent. Aber man merkt bei internationalen Rennen schon, dass Bewerbe von Männern besser angenommen werden beziehungsweise auch viel besser bezahlt werden. Wenn Preisgelder ausgeschrieben sind, bekommt ein Mann mehr Preisgeld als eine weibliche Gewinnerin, was für uns als Sportlerinnen unverständlich ist. Das finde ich überhaupt nicht in Ordnung und es passt auch nicht ins Jahr 2022, weil Frauen genau das gleiche leisten. Wir fahren die gleiche Distanz wie die Herren und wir sitzen im gleichen Boot. Hier bei der gleichen Leistung und beim gleichen Trainingsaufwand einen Unterschied zu machen, ist meiner Meinung nach nicht fair. Da ist auch im Sport ein großer Aufholbedarf.

Was ich auch als sehr unangenehm empfinde und was ich schon häufig gehört habe, ist die Frage: „Wie geht es weiter mit dem Sport, wenn du Kinder bekommst? Wann ist es bei dir soweit?“ Es ist einfach sehr unangenehm, so etwas gefragt zu werden – nicht nur als Sportlerin, sondern generell als Frau. Das ist eine sehr persönliche Frage, die eine Person, die einem nicht nahesteht, nicht fragen sollte. Mit dieser Frage und dieser Thematik sollte viel sensibler umgegangen werden. Ich glaube, dass es da vielen Frauen ähnlich geht – egal ob Sportlerin oder nicht.

Wurden Sie in Ihrer Karriere je durch Ihr Frausein in die Schranken gewiesen?

Mir ist schon des Öfteren aufgefallen, dass ich als Sportlerin wenig Schwäche zeigen darf. Als Frau ist man vielleicht sensibler, was nichts Schlechtes ist – es ist im Gegenteil sogar etwas Gutes. Von Personen, die über einen entscheiden, wird diese Sensibilität aber oft als eine Schwäche gesehen. Manche nutzen das dann aus und man wird auch dementsprechend abwertend behandelt. Ich finde man sollte andere Wege finden, wie man mit einer Sportlerin, mit einer jungen Sportlerin im Besonderen, kommuniziert. Man wird als schwach abgestempelt, als dem Druck nicht gewachsen. Als Sportlerin oder als Frau versucht man als Reaktion, eine kleine Mauer aufzubauen, was nicht gut ist. Man sucht sich seine Vertrauenspersonen, mit denen man darüber reden kann. In meinem Fall ist das mein Vater, der mich diesbezüglich versteht und dafür bin ich wirklich unglaublich dankbar. Aber es gibt Männer, die in dieser Hinsicht vielleicht Aufholbedarf haben.

In welchen Situationen Ihrer bisherigen Laufbahn hat man Ihnen Mut gemacht?

Im Leistungssport wird man oft mit dem Thema Mut konfrontiert. Vor wichtigen Rennen ist es notwendig, dass man als Sportlerin viel Selbstvertrauen hat und an sich glaubt und dass man Personen um sich hat, die dieses Selbstvertrauen verstärken und einem Mut machen. Es gibt viele Situationen, vor denen mir Mut gemacht wurde: vor Rennen, vor wichtigen Entscheidungen, vor Qualifikationen. Es gibt viele Situationen, wo der Trainer neben dir steht und dir sagt: „Du schaffst das! Und auch wenn du es nicht schaffst, ist es in Ordnung, denn am Ende des Tages ist es einfach wichtig, dass man sein Bestes gibt.“

In welcher Hinsicht würden Sie jungen Frauen gerne Mut machen?

Dadurch, dass ich eine jüngere Schwester habe, die 17 Jahre alt ist, merke ich, dass sich die jungen Frauen und Jugendlichen durch Social Media sehr oft mit anderen Personen vergleichen. Das ist, glaube ich, das Schlimmste, was man machen kann: anzufangen, sich mit anderen zu vergleichen, besonders in der digitalen Welt. Deswegen würde ich den jungen Frauen gerne Mut machen, an sich selber zu glauben und zu sich selber zu stehen, so wie sie sind, weil jeder einzigartig ist. Sie sollten sich nicht vergleichen, weil das, was im Internet präsentiert wird, oft einfach nicht die Realität ist. Es ist wichtig, sich selber treu zu sein und sich mit Personen zu umgeben, die einen schätzen.

Meine MOTIVATION ist, … jeden Tag das zu machen, was mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

 

ANTRIEB ist mir, … mich selber weiterzuentwickeln, in sportlicher und menschlicher Hinsicht, sowie auch der jungen Generation etwas weiterzugeben.

Name: Ana Lehaci

Familienstatus: ledig

Lieblingsgericht: Sushi

Lebensmotto: Das Leben ist zu kurz für „irgendwann“!

Mein Ausgleich: Familienzeit & mit meinen zwei Hunden spazieren gehen

Ich in drei Worten: fröhlich, fokussiert, hilfsbereit

Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre, dann würde ich das Gehalt von Männern und Frauen angleichen, damit beide die gleichen Pensionsvoraussetzungen haben und Frauen in der Pension nicht so sehr auf einen Mann angewiesen sein müssen. Zusätzlich würde ich die Karenzzeit für Frauen finanziell viel vorteilhafter ausbauen und auch Männern hier die Möglichkeit geben, viel mehr an der Erziehung ihrer Kinder teilzuhaben.

Name
Familie
Lieblingsort
Lebensmotto
Mein Ausgleich
Ich in drei Worten
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre