Margarete Durstberger

Hotelleiterin

Die Arbeit in der Gastronomie ist herausfordernd, aber auch sehr bereichernd. Dasselbe gilt für die Arbeit mit behinderten Menschen. In beiden Fällen braucht es Einfühlungsvermögen, Empathie einerseits und Resilienz und Organisationstalent auf der anderen Seite. Wie man dazu kommt, beides zu vereinen und wie das gelingt, das erzählt die Betreiberin des österreichweit einzigen Inklusionshotels, Margarete Durstberger, in einem spannenden Interview.

Interview

Frage MUTmacherinnen: Frau Durstberger, bitte erzählen Sie uns zuerst einmal was über Ihren Lebensweg, besonders auch, wie Sie zu Ihrem „besonderen“ Arbeitsumfeld gekommen sind.

Mein beruflicher Ursprung ist die Gastronomie, mit mehr als 30 Jahren Erfahrung und der Meister/Unternehmerprüfung.
Parallel dazu habe ich die Ausbildung zur sozialpsychiatrischen und psychosozialen Facharbeiterin absolviert. Um die psychosoziale Kompetenz zu vertiefen entschied ich mich für die Ausbildung zur Lebens-und SozialberaterIn sowie eine Trainerausbildung zu machen.
Vier weitere Semester Führungskräfteausbildung bildeten eine wertvolle und entscheidende Grundlage auf meinem Ausbildungsweg. Sie haben mich optimal auf die umfassenden und vielseitigen Aufgaben vorbereitet, die mit der Vision verbunden sind, das erste und bis heute einzige Inklusionshotel Österreichs zu entwickeln und wirtschaftlich erfolgreich zu führen.

Die grundlegende Idee für meinen beruflichen Werdegang im psychosozialen Arbeitsfeld der pro mente O.Ö. hatte meine Freundin, sie motivierte mich, mich auf eine Stelle als Karenzvertretung im Restaurant Kontrast zu bewerben. Die Führungskräfte der pro mente O.Ö. hatten Vertrauen in meine Kompetenzen, stellten mir Arbeitszeiten passend für die Erziehungszeiten meiner beiden Söhne zur Verfügung und gaben mir Raum für Entwicklung.

Frage MUTmacherinnen: Man kann Sie zurecht als Fachfrau sowohl in der Gastronomie als auch in der Inklusion bezeichnen. Also die ideale Person eines Hauses wie dieses Seminarhotel hier in Wesenufer. Wie schwierig ist es, auch in manchmal wirtschaftlich herausfordernden Zeiten die Inklusions-Wirtschaftsbalance zu halten?

Seit 27 Jahren bin ich im psychosozialen Arbeitsbereich bei pro mente O.Ö. beschäftigt, 2008 habe ich die Leitung des Seminarhotels mit einer Kapazität von 26 Betten, 16 Mitarbeiter*innen und ca. 20 Klient*innen übernommen.
In den letzten 18 Jahren hat sich das inklusive Seminarhotel gemeinsam mit dem engagierten Team zu einem 90 Betten Hotel mit 35 Mitarbeiter*innen und ca. 50 Klient*innen aufgebaut, welches mehrfach zum besten Seminarhotel ausgezeichnet wurde und den ersten Inklusionspreis Österreichs erhalten hat.

Ja, man kann mich als Fachfrau für Inklusion bezeichnen.

Die Herausforderungen das Inklusionshotel wirtschaftlich ausgeglichen zu führen wird in den letzten Jahren immer größer, da die Kürzungen im Sozialbereich auch bei uns Auswirkungen haben und wir diese durch mehr wirtschaftliche Erlöse ausgleichen müssen. Auch die derzeitigen Einflüsse des Krieges auf Lieferketten führen dazu, dass vor allem Kund*innen aus Industrie und Wirtschaft kurzfristig die Buchungen stornieren. Gleichzeitig habe ich die Resilienz gemeinsam mit meinem sehr engagierten Team immer wieder Ideen bei herausfordernden Einflüssen von außen zu finden.

Auch meine Arbeit als Aufsichtsrätin des Tourismusverbandes Donau trägt dazu bei, aktuelles touristisches Wissen in meine Entscheidungen  einfließen  zu lassen. Gleichzeitig kann ich beim Ausbau der Tourismusregion oberes Donautal mitwirken.

Frage MUTmacherinnen: Sie bzw. Ihr Haus haben bereits viele Preise bekommen. Etwas Besonderes war sicher die Verleihung des Zero Projekt Awards in der Uno-City in Wien. Können Sie uns kurz erzählen, worum es bei diesem Projekt geht?

Zero Project wurde von Martin Essl gegründet. Die Essl Foundation setzt sich mit der Initiative Zero Project national & international für Inklusion und die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein.

Das Ziel von „Zero Project“ ist es, das Leben von Menschen mit Behinderung weltweit zu verbessern. Das Wort „Zero“ steht für „Null“, „Null Barrieren“ für Menschen mit Behinderung.

Um dieses Ziel zu erreichen, sucht das Zero Project jedes Jahr weltweit nach den innovativsten, neuen Lösungen für Menschen mit Behinderungen und spannt damit einen Bogen vom Arbeitsmarkt, über Bildung bis hin zu selbstbestimmtem Leben und politischer Teilhabe.

Frage MUTmacherinnen: Inklusion, also die selbstverständliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen ist ja auch in den SDGs, also den Nachhaltigkeitszielen der UNO von 2015 verankert. Haben Sie den Eindruck, dass da, national aber auch international, genug getan wird, bzw. wo müssten die nächsten Stellschrauben gedreht werden?

International kann ich keine qualitative Einschätzung abgeben, außer zu Deutschland in Bezug auf Tourismusprojekte. Dort gibt es bereits über 30 inklusiv geführte Hotelbetriebe, in Ö sind wir jedoch noch immer der einzige inklusive Hotelbetrieb.
In den letzten Jahrzehnten haben viele Sozialorganisationen unterschiedlichste Arbeits- und Beschäftigungsprojekte entwickelt, d.h. es geht in die richtige Richtung, aber für inklusiv geführte Beschäftigungsangebote am ersten Arbeitsmarkt fehlen aus meiner Sicht die Role-Models, die zeigen, wie Inklusion auch betriebswirtschaftlich funktionieren kann. Da wollen wir unseren Beitrag in der Hotelbranche leisten, weil wir schon über 18 Jahre am Markt bestehen und jährlich nach wie vor die notwendigen Umsätze vorweisen können.

Die nächsten Stellschrauben wären aus meiner Sicht:

  • finanzielle Anreize für Betriebe bei der Einstellung von Menschen mit Beeinträchtigung vor allem im ersten Jahr
  • weniger Barrieren bei Beendigungen von Dienstverhältnissen mit Menschen mit Behinderungen

Frage MUTmacherinnen: Gleichbehandlung ist ein Thema, so alt wie frauenpolitische Forderungen. Wie steht es damit im Feld der Menschen mit Beeinträchtigungen, im Bereich der Inklusion? Orten Sie da unterschiedliche Behandlungen von Frauen und Männern? Oder anders gefragt, schlagen da Stereotype genauso zu wie auch sonst (noch) überall?

Gleichbehandlung zwischen den Geschlechtern ist bei uns insofern KEIN Thema, weil es selbstverständlich gelebt wird, so meine ich und das zeigen auch die Rückmeldungen vieler, bedingt sicher auch durch ein einheitliches Gehaltsschema, und dem gelebten Anspruch nach Gleichbehandlung in der gesamten pro mente OÖ.
Unser Fokus hier in Wesenufer bei all unseren Angeboten liegt auf den zielführenden Rahmenbedingungen, die für die persönliche Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter*innen (ob mit oder ohne Beeinträchtigung) hilfreich sind.
Was sich allerdings schon zeigt ist die Tatsache, dass rund 80% der MA in der Haustechnik männlich sind, im Arbeitsfeld der Reinigung sind weitgehend weiblich. Wir ermöglichen jedoch allen das Hineinschnuppern in unsere unterschiedlichen Arbeitsfelder, um stereotype Berufsvorstellungen entgegenzuwirken.

Frage MUTmacherinnen: Zum Abschluss würde mich interessieren, welcher Schritt in Ihrem Leben Ihnen am meisten MUT abverlangt hat und ob Sie diesen Schritt wieder setzen würden?

JA zur Führung dieses Hotels zu sagen mit dem Wissen, dass es kaum Vorbilder oder Erfahrungswerte gab, wie diese Idee eines inklusiv geführten Seminarhotels im Innviertel überhaupt Bestand haben kann. Da waren viele Fragezeichen in Bezug auf Akzeptanz in der Region, bei der Kundengewinnung, der Mitarbeiterbindung und der Qualitätssicherung, so wie der Notwendigkeit, die geplanten Budgetzahlen zu erreichen.

Und ich bin froh und dankbar, dass ich JA gesagt habe!

Mai 2026 / Interview: Claudia Durchschlag

Aktuelle Position beruflich: Hotelleiterin

Meine Power-Lieblingssongs: Musik von Zucchero

Meine Lese-Empfehlung für junge Frauen/Menschen: Die sieben Schwestern

Lebensmotto: Jeder Tag soll ein guter sein, er geht zu Ende und kommt nie wieder und Respekt beginnt im Alltag

Mein Ausgleich: Skifahren, Bergsteigen, Klettern, Familie und Garten

Ich in drei Worten: wertschätzend, zielstrebig, abenteuerlustig

Wenn ich einen Tag Sozialministerin wäre: Würde ich die Teilpension für Menschen mit Behinderung einführen

 

Name
Margarete Durstberger
Familie
Lieblingsort
Lebensmotto
Mein Ausgleich
Ich in drei Worten
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre