Frage MUTmacherinnen: Frau Frauscher, erzählen Sie uns bitte etwas über Ihre Lebensgeschichte.
Aufgewachsen im wunderschönen Gmunden, hat es mich früh in die Ferne gezogen. Nach Auslandssemestern in Madrid und München schloss ich meinen Master in International Relations am King’s College London erfolgreich ab. Dort trat ich auch meinen ersten „richtigen“ Job nach dem Studium an – bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Durch Covid verschlug es mich wieder zurück nach Österreich, mit einem kurzen Intermezzo in Paris. Nach Stationen bei internationalen Finanzunternehmen und Start-ups habe ich gemeinsam mit Sofia Surma und Clemens Otto EMPOVVER aufgebaut – einen Online-Marktplatz für frauengeführte Unternehmen. Mitte 2026 haben wir uns nach gründlicher Überlegung dazu entschieden, den Marktplatz zu schließen. Heute hoste ich den Podcast „The Tired Feminist Club“, bin Referentin der Geschäftsführung bei wals.pro sowie Co-Geschäftsführerin der Stefan Frauscher Holding.
Frage MUTmacherinnen: Sie sind mit 28 Jahren auf die Forbes Liste „30 unter 30“ gewählt worden. Was macht das mit einem und wie haben Sie das mental verkraftet?
Die Auszeichnung bedeutet mir viel, weil sie Sichtbarkeit für ein Thema bringt, das meine Mitgründer:innen und ich gemeinsam mit unserer Community seit Jahren vorantreiben: die Förderung und Gleichstellung frauengeführter Unternehmen. Sie ist eine Anerkennung nicht nur für meine, sondern für unser aller harte Arbeit – und darauf war und bin ich sehr stolz.
Frage MUTmacherinnen: Sie haben bereits in jungen Jahren die Plattform EMPOVVER mitbegründet, die speziell frauengeführte Unternehmen fördert bzw. gefördert hat, da sie ja im heurigen Jahr eingestellt wurde. Was waren erstens die Beweggründe zur Gründung dieser Plattform und wo sehen Sie die Gründe dafür, dass sie eingestellt werden musst?
Frauengeführte Unternehmen sind in Österreich und weltweit nach wie vor unterrepräsentiert. Unser Ziel war es deshalb, Women Empowerment so einfach zu machen wie Online-Shopping. Mit EMPOVVER haben wir einen Ort geschaffen, an dem man sich mit Gleichgesinnten austauschen, frauengeführte Unternehmen gebündelt entdecken und sie mit einem Einkauf direkt unterstützen konnte. Uns ist oft gar nicht bewusst, wie viel eine vermeintlich kleine Tat bewirkt: Finanzielle Unabhängigkeit ist einer der größten Hebel für Geschlechtergleichstellung, und über EMPOVVER floss das Geld aus jedem Einkauf direkt an Frauen zurück.
Die Gründe für die Schließung des EMPOVVER Marktplatzes sind vielschichtig. Das Marktplatz-Modell gehört zu den komplexesten und kapitalintensivsten Geschäftsmodellen überhaupt. Unser Marktplatz ist iterativ gewachsen und dadurch strukturell immer komplizierter geworden. Wir waren von Anfang an bootstrapped und über staatliche Förderungen finanziert. Für den nächsten Skalierungsschritt hätte es Investitionen in einer Größenordnung gebraucht, die wir in dieser Konstellation nicht stemmen konnten.
Ein Scheitern war es für mich trotzdem nicht: Über die Jahre haben wir einen sechsstelligen Betrag für frauengeführte Unternehmen eingenommen. Persönlich habe ich in dieser Zeit unglaublich viel gelernt. Ich habe mich vielen Hürden gestellt – manche habe ich gemeistert, manche nicht –, bin aber jedes Mal über mich hinausgewachsen. Was mir davon am meisten geblieben ist: eine Gelassenheit und Stärke, die ich vorher nicht hatte.
Frage MUTmacherinnen: Die logische nächste Frage ist jetzt natürlich, wie es weitergeht? Sie sind ja besonders aktiv in der Förderung und Sichtbarmachung von Frauen. Wird es da weitere Schwerpunkte geben und wenn ja, welche?
Wie es genau weitergeht, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich werde mich aber auf jeden Fall erst einmal voll meinem Podcast „The Tired Feminist Club“ widmen. Er begleitet mich durch mein Leben Anfang 30. In einer Lebensphase, in der vermeintlich die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt werden, stelle ich mir die Frage, die viele in diesem Alter beschäftigt: „Was mache ich hier eigentlich?“ In den Podcast-Folgen spreche ich schonungslos ehrlich und persönlich – allein und mit Gästen – über Egg Freezing, toxische Beziehungen, Freundschaften, Start-up-Leben, Erwartungsmanagement und Informationsüberflutung. Ich freue mich auf die neue Herausforderung, auf die Möglichkeit, mich mit vielen interessanten Persönlichkeiten auszutauschen und von den Gesprächen und meinen Recherchen zu lernen.
Frage MUTmacherinnen: Wie schaut für Sie die idealtypische Welt aus, speziell im Hinblick auf Gleichstellung und Gleichberechtigung?
Jede Person soll – unabhängig von ihrem Geschlecht – so leben können, wie sie es möchte. Ohne geschlechterspezifische strukturelle Einschränkungen und ohne Vorurteile.
Frage MUTmacherinnen: Und Ihr persönlicher Lebensweg soll Sie, in sagen wir 10 Jahre, wohin geführt haben?
Ein gewisser Grad an Planung ist wichtig und notwendig. Meiner Erfahrung nach kommt es jedoch eher selten genau so, wie man es sich ausgemalt hat – das ist aber auch nicht immer unbedingt schlecht. J Ich gehe offen, engagiert und interessiert durchs Leben und nehme die Möglichkeiten so, wie sie kommen.
August 2026 / Interview: Claudia Durchschlag
| Aktuelle Position beruflich: Host des The Tired Feminist Club Podcasts, Referentin der Geschäftsführung bei wals.pro und Co-Geschäftsführerin bei der Stefan Frauscher Holding GmbH
Meine Power-Lieblingssongs: „You Don’t Own Me“ von Lesley Gore
Meine Lese-Empfehlung für junge Frauen/Menschen: „Lessons in Chemistry“ von Bonnie Garmus
Lebensmotto: Aus jeder Situation etwas mitnehmen und das Beste daraus machen
Mein Ausgleich: Ballett; Zeit in der Natur; Zeit mit Familie und Freund:innen
Ich in drei Worten: interessiert, offen, stark
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre: Flächendeckende Kinderbetreuung, die schon ab einem jungen Alter verfügbar ist – sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass beide Elternteile voll erwerbstätig sein können, und damit einer der größten Hebel für finanzielle Unabhängigkeit und Geschlechtergleichstellung. Ein Tag als Frauenministerin ist aber viel zu wenig, um all die offenen Themen anzugehen. |