Dipl.-Ing.in

Johanna Möslinger

Kulturmanagerin und Unternehmerin

Wenn man Johanna Möslinger mit wenigen Worten beschreiben müsste (was fast unmöglich ist), müsste es heißen: ein Leben für die Musik. Und zwar in den vielfältigsten Tätigkeitsbereichen. Diese Leidenschaft für Musik vermitteln zu wollen, Menschen anstecken zu wollen mit dem Virus Musik, das hat sie schon sehr früh umgetrieben und das hat sie in verschiedenen Positionen umgesetzt.

Foto: Lukas Beck

Interview

Frage MUTmacherinnen: Frau Diplomingenieurin Möslinger, Raumplanung mit Schwerpunkt Abfallwirtschaft, Studium der Bratsche, Kunstvermittlung für junge Menschen, Aufbau eines Jugendprogramms für das Bruckner Orchester Linz, Aufbau der Philharmonie Luxembourg, für den Veranstaltungsbetrieb zuständige Vorständin an der Konzerthausgesellschaft, interimistische künstlerische Leiterin des Brucknerhauses, Revitalisierung eines alten Innviertler Bauernhofs, Gründung einer Bäckerei mit angeschlossenem Restaurant – bei Ihrem vielfältigen Tätigkeitsprofil fragt man sich fasziniert: gibt es irgendwas, was diese Frau nicht kann oder nicht ausprobieren würde?

Das ist tatsächlich eine gute und berechtigte Frage: meine Antwort darauf – wenn ich merke, dass mich für ein Thema die Leidenschaft packt, dann bin ich nur schwer zu bremsen. Aber so vielfältig und bunt mein Lebenslauf klingen mag, gibt es doch einen roten Faden, der da überall durchgeht und das ist meine große Liebe zur Musik. Und diese Liebe habe ich vor über 25 Jahren zu meinem Beruf gemacht. Seit damals bin ich im Musikmanagement tätig. Der Bauernhof und die Gastronomie sind dann erst später und auch eher zufällig dazugekommen – die Disruption in den Jahren der Pandemie spielt da eine wichtige Rolle. Und auch wenn mich beides natürlich auch viel beschäftigt, so ist mein beruflicher Fokus weiterhin in der Kultur zu verorten. Nach vielen Jahren in Führungsverantwortung nutze ich jetzt meine Erfahrungen und unterstütze Kulturorganisationen darin, ihre Prozesse transparent und effizient aufzustellen.

Frage MUTmacherinnen: Wenn man als Klassikfan in den großen Konzerthäusern sitzt, hat man den Eindruck, dass die vorherrschende Haarfarbe grau ist. In der Oper empfinde ich das besonders stark. Teilen Sie diese Einschätzung oder können Sie Hoffnung machen, dass uns das klassische Publikum in ausreichender Zahl erhalten bleiben wird?

Natürlich gehe ich selber ganz viel in Konzerte und Theater- und Opern-Aufführungen und ich beobachte immer die Menschen um mich herum. Was motiviert jemanden, in ein Konzert zu gehen?

Zuallererst bin ich absolut davon überzeugt, dass das analoge Erleben eines Konzerts, einer Aufführung live in Echtzeit in unserer mehr und mehr digital geprägten Welt einen unglaublichen Mehrwert hat. Diese Fragilität des Augenblicks und die Magie, wenn zwischen Musikern und Publikum – zwischen Interpret:innen und Rezipient:innen –– plötzlich eine neue Ebene der gegenseitigen Wahrnehmung und Kommunikation entsteht. Und es fasziniert mich auch, dass dieser unendlich individuelle Akt des „gerichteten Lauschens“ am besten gemeinsam und gleichzeitig mit vielen, vielen anderen Menschen passiert. Wer diese Qualitäten einmal selber erlebt hat, wird sie mit Sicherheit wieder und wieder suchen.

Und dabei ist mir wichtig anzuerkennen, dass qualitätsvolle, anspruchsvolle Musik nicht immer nur das ist was wir langläufig als „klassische Musik“ bezeichnen. Es gibt gerade in Österreich eine unglaublich vitale Musikszene jenseits der Klassik – mit Wurzeln im Indi-Pop/Rock, Jazz oder genauso auch in der Volksmusik. Was alle diese Musiker:innen verbindet, ist der hohe Anspruch an das eigene Tun. Und wenn ich sehe, dass diese Konzerte von einem jungen, gemischten Publikum besucht werden, freue ich mich darüber – denn ich glaube der Schritt weiter zur Klassik braucht dann vor allem Neugierde und Offenheit. Und hier sind die Kulturorganisationen gefordert, die Türen zu öffnen und den Menschen die Sicherheit zu geben, wirklich willkommen zu sein und mit ansprechenden, spannenden musikalischen Formaten die Brücke zwischen den Genres und damit auch manchmal den Generationen zu schlagen.

Sorgen mache ich mir nicht, dass das Publikum für „klassische Musik“ irgendwann ausbleibt, aber es muss auch klar sein, dass es von Seiten der Kulturorganisationen noch viel mehr Bemühen und Anstrengungen und vor allem auch Professionalisierung braucht, um mit qualitätsvollen Angeboten in der Breite der Bevölkerung wahrgenommen zu werden und sichtbar zu sein.

Frage MUTmacherinnen: Sie haben ja auch Bratsche studiert. Waren Sie Schülerin einer Landesmusikschule und wie schätzen Sie die Bedeutung des oö. Musikschulwerks ein?

Ich habe erst sehr spät – nämlich als ich dann mit 18 schon in Wien zum Studium war – richtig intensiv erst Geige und dann Bratsche zu spielen begonnen. Leider war ich vorher nie Schülerin an der LMS – nachträglich betrachtet bedauere ich das natürlich sehr. Das Musikvirus hat zwar immer schon in mir geschlummert, aber so richtig ausgebrochen ist es erst, als ich schon in Wien war und die unendlichen Möglichkeiten genutzt hatte, als Studentin fast jeden Abend sehr günstig ins Konzert oder die Oper gehen zu können.

Aber ganz grundsätzlich halte die ich Angebote des LMS für ganz wichtig und zentral – und genauso auch die Arbeit der vielen Musikvereine in ganz Oberösterreich, die es schaffen, dem gemeinsamen Musizieren etwas Selbstverständliches zu geben. Der erste, vertiefende Kontakt mit Musik in der Kindheit und Jugend kann überhaupt nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Frage MUTmacherinnen: Ihre Karriere bunt zu nennen ist schon fast eine Untertreibung. Welcher Schritt hat Ihnen bisher den meisten MUT abverlangt?

Es war sicherlich ein mutiger Schritt, im Frühjahr 2024 meine Position als Vorständin – also Geschäftsführerin – der Wiener Konzerthausgesellschaft aufzugeben. Gemeinsam mit meinen beiden Kollegen Matthias Naske und Günter Tröbinger waren wir die letzten 10 Jahren für die Geschicke dieser wunderbaren Organisation verantwortlich. Und ich kann mit aller Überzeugung auch heute noch sagen, dass ich dieses Haus – das mir so vieles gegeben hat – unendlich schätze. Aber nach mehr als 11 Jahren in dieser Organisation war für mich der Zeitpunkt gekommen, nochmals einen Neustart zu wagen – ohne genau zu wissen, wohin mich das führen würde. Und ich habe es nicht bereut – meine Lernkurve der letzten Monate ging sehr steil nach oben und für mich ist es immer wichtig, mich weiterentwickeln zu können.

Frage MUTmacherinnen: In welchen Ihrer vielen Tätigkeitsfeldern würde Sie sagen gibt es noch die größten Hürden für Frauen und haben Sie persönlich je das Gefühl gehabt, anders (schlechter) als ein männlicher Kollege behandelt worden zu sein?

Ganz offen gesagt, war ich – zumindest in meiner Wahrnehmung – nie mit geschlechtlicher Diskriminierung konfrontiert. Aber sehr wohl sehe ich, dass Frauen auch heute immer noch viel weniger in ihre beruflichen Netzwerke investieren, als das oft bei Männern der Fall ist – und leider sehe ich auch immer noch, dass das individuelle Können, das Wissen und die beruflichen Erfahrungen nicht immer die entscheidenden Faktoren für beruflichen Erfolg sind….

Frage MUTmacherinnen: Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Bäckerei in Wien: wie reift der Gedanke in einer Kulturmanagerin, in Wien ein Bäckerei mit angeschlossenem Restaurant und dem wunderbar mehrdeutigen Namen „Ährlich“ zu eröffnen? Und wie entwickelt sich dieses Projekt, das wahrscheinlich nicht Ihr Letztes bleibt?

Die Idee für das „Ährlich“ ist im Innviertel entstanden: ich habe das Glück, dass meine Felder von einem sehr innovativen Landwirt – nämlich meinem Nachbarn Florian Regl – bewirtschaftet werden und irgendwann an einem lauen Sommerabend – als ich selber gerade mitten in der Renovierung des Bauernhofs war (mit der ich im ersten Lock down in 2020 begonnen hatte) – haben wir uns überlegt, die spannende und qualitätsvolle Landwirtschaft der unmittelbaren Umgebung von Wippenham auch in Wien sichtbar zu machen. Es lag nahe, als ersten Baustein mit dem Mehl von den eigenen Feldern handwerklich hochwertiges Brot zu backen und damit eine Geschichte zu erzählen beginnen, die noch lange nicht zu Ende ist.

In 2026 haben wir große Pläne für das Ährlich – auch im Innviertel, wo wir eine eigene Backstube eröffnen wollen. Und in Wien planen wir einen weiteren Standort – wobei die Vielfalt an landwirtschaftlichen Produkten, die wir dort anbieten werden, abseits von Brot noch wachsen wird.

25.2.2026 / Interview: Claudia Durchschlag

Name:  Dipl.-Ing.in Johanna Möslinger

Aktuelle Position beruflich: selbstständige Unternehmerin mit dem Bäckerei-Café Ährlich in Wien, einer Landwirtschaft im Innviertel und als Consultant mit der Spezialisierung auf Optimierung von Prozessmanagement in Kulturorganisationen

Familienstatus: ledig

Mein Power-Lieblingssong: Franui/Florian Boesch: “Am Feierabend“ aus der „Schönen Müllerin“

Meine Lese-Empfehlung für junge Frauen/Menschen: …. da fällt mir leider nichts Konkretes ein – auch wenn ich selber viel lese.

Lebensmotto: Glaub an Dich!

Mein Ausgleich: Laufen und Radfahren

Ich in drei Worten: neugierig, ungeduldig, großzügig

Wenn ich einen Tag Kulturministerin wäre: Würde ich erstmal alles aufsaugen und lernen, was an einem Tag geht, mit vielen Menschen sprechen und zuhören – um vielleicht irgendwann am Ende dieses sehr, sehr langen Tages eine neue, relevante kulturpolitische Vision für dieses Land zu entwickeln.

 

Name
Dipl.-Ing.in Johanna Möslinger
Familie
Lieblingsort
Lebensmotto
Mein Ausgleich
Ich in drei Worten
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre