Mst.in

Julia Dobretsberger

Bestatterin

Es ist ein ungewöhnlicher Lebenslauf, den Julia Dobretsberger gegangen ist. Die ausgebildete Polizistin lernt der Liebe wegen um und wird Bestatterin im Unternehmen ihres Mannes. Wie sehr sich dieser Beruf verändert hat und wieviel sie selbst von sich eingebracht hat und einbringt, lesen Sie in diesem spannenden Interview.

Foto: Sabine Starmayr

Interview

Frage MUTmacherinnen: Frau Dobretsberger, von der Polizistin zur Bestatterin – ein ungewöhnlicher Berufsweg. Was ist das Gemeinsame, der rote Faden?

Mein ungewöhnlicher Berufsweg hat sich der „Liebe wegen“ in diese Richtung entwickelt, denn ohne meinen Mann hätte ich diesen vielfältigen Beruf gar nicht als solchen kennen und lieben lernen können. Dennoch war nicht von Anfang an klar, dass ich ins Familienunternehmen einsteige, dafür war mir meine Eigenständigkeit zu wichtig und auch mein Zugehörigkeitsgefühl und Verwurzelung in der Polizei zu stark.

Erst als ich spürte, dass ich als Bestatterin mehr für Menschen bewegen und mich vor allem im Rahmen eines Familienunternehmens verwirklichen kann, reifte der Entschluss einzusteigen und die Meisterprüfung für Bestatter, als höchstmögliche Ausbildung anzustreben. Meinen Austritt habe ich trotzdem mit zwei Herzen in meiner Brust und mit Tränen geschrieben.  Meinen Berufsweg bereue ich dennoch nicht, denn als Bestatterin und Trauerrednerin bin ich – wie bei der Polizei auch – für Menschen in Krisensituationen ein stabiles Gegenüber, gebe Halt und Orientierung – eine für mich unglaublich erfüllende und sinnstiftende Aufgabe.

Der rote und verbindende Faden beider Berufe, liegt somit im Vermitteln von Sicherheit und Perspektive in einer absoluten Ausnahmesituation. Sowohl Polizisten als auch Bestatter unterstützen und leisten Hilfe, wenn andere an ihren eigenen Grenzen angelangt sind und allein nicht mehr weiterwissen. Darin liegt für mich auch eine wesentliche gesellschaftliche Bedeutung beider Berufe – im sozialen und unterstützenden Aspekt – im Dienst am Menschen. Insofern ist meine „innere Polizistin“ nach wie vor „in Dienst“, leistet Hilfe und ist präsent.

Frage MUTmacherinnen: Sie haben in ein Familienunternehmen eingeheiratet. Wie viel Freiraum hatten Sie beim Umsetzen eigener Ideen?

In einem Familienunternehmen, das bereits seit 1894 besteht, denkt man natürlich wertebewusst und generationenübergreifend und greift auf einen Erfahrungsschatz von über 130 Jahre zurück. Davor habe ich großen Respekt. Anfangs hat mich das sogar eingeschüchtert und ich war zurückhaltend. Ich wollte mir erst Wissen aneignen, eigene Kompetenzen aufbauen und war sehr zögerlich mit der Entwicklung von eigenen Ideen. Ich habe mich eher selbst eingeschränkt und mir unsichtbare Grenzen auferlegt – diese eigenen inneren Hürden und überhöhten Ansprüche an mich selbst waren ehrlicherweise schwerer zu überwinden, als wenn mir andere Steine in den Weg gelegt hätten.

Mit der Erfahrung, vielen Aus- und Fortbildungen und dem kollegialen Austausch, auch mit unseren langjährigen MitarbeiterInnen, kam das Selbstbewusstsein und ich habe zunehmend das Gefühl, dass ich mir immer mehr Freiraum nehme und diesen mit meiner Kreativität, Ideen und meiner Persönlichkeit fülle.

Ich habe auch das große Glück in einer Zeit Bestatterin sein zu dürfen, in der unser Aufgabengebiet sehr vielfältig und die Begleitung sehr individuell ist. Wir gestalten Abschiede mit Persönlichkeit, die stimmig und authentisch sind – auch da ist meine Flexibilität und Kreativität gefragt.

Mein Mann Martin war für mich von Anfang an mein Mentor und Visionär. Er hat mich – auch heute noch – immer wieder ermutigt meinen eigenen Weg zu gehen und früh erkannt, dass unsere Persönlichkeiten und Talente einander gut ergänzen und im Miteinander auf Augenhöhe – privat wie beruflich – die Weiterentwicklung des Familienunternehmens liegt.

Frage MUTmacherinnen: Wenn man sich die Homepage der Firma Dobretsberger anschaut, fallen 2 Begriffe auf: Rituale und Demenz. Was hat es damit auf sich und was hat das mit Ihnen zu tun?

Die Individualisierung des Abschieds bedeutet automatisch, dass man auf die Bedürfnisse der Trauernden ganz persönlich eingehen kann und in der Begleitung immer speziellere Kompetenzen braucht, die es zu entwickeln gilt. Neues zu lernen, mich aus- und fortzubilden finde ich spannend und bereichert mich – ich brauche diese Abwechslung und die Impulse von außen – ohne könnte ich es mir gar nicht vorstellen.

Als mein Vater an Demenz erkrankt ist, hat sich daraus ganz natürlich eine Sensibilität und ein Interesse an den Hintergründen und Auswirkungen dieser Erkrankung entwickelt. In den Begleitungen von Trauerfamilien hat sich auch immer mehr gezeigt, dass in vielen Familien Demenz ein großes – mit viel Unsicherheit verbundenes – Thema ist. Ganz besonders dann, wenn ein demenzerkrankter Mensch als trauernde Angehöriger überbleibt. Es tauchen im Gespräch Fragen auf, wie: Sagt man es seiner Mutter, dass der Vater verstorben ist? – wenn sie es ohnehin wieder vergisst. Nehmen wir Sie zur Trauerfeier mit? Wie kann man ihr vermitteln was passiert? Wie ist ein gemeinsamer Abschied als Familie möglich? Welche Möglichkeiten gibt es, was davon fühlt sich gut an? usw.

In Berlin haben mein Mann und ich schließlich eine Ausbildung nach niederländischem Konzept zum „demenzfreundlichen Bestatter“ absolviert. Mit liebevoller Maßarbeit und Gespür für Details begleiten und unterstützen wir seitdem Familien einen gemeinsamen Abschied zu gestalten, bei dem sich alle Familienmitglieder nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen einbringen und teilhaben können. Durch diese bedürfnisorientierte Begleitung hat sich auch die Beschäftigung mit Ritualen intensiviert. Es ist eine spannende Herausforderung die vielen unterschiedlichen Vorstellungen, auch religiöser, spiritueller und weltanschaulicher Natur „unter einen Hut“ zu bringen.

Da ich kulturgeschichtlich interessiert bin und gleichzeitig für Traditionen viel übrighabe, freut es mich – allein aus unserer Unternehmensgeschichte heraus – aus einen reichen Erfahrungsschatz schöpfen zu können und andererseits ein „Kind meiner Zeit“ zu sein. Das bedeutet für mich, dass ich voller Wertschätzung auf unser kulturelles und rituelles Erbe blicken kann und mir gleichzeitig erlaube, es zu hinterfragen und frei zu interpretieren.

Frage MUTmacherinnen: Ich möchte nochmal auf Ihren Berufswechsel zurückkommen. Wie viel MUT braucht es, sich auf etwas ganz Neues einzulassen? Das betrifft ja nicht nur berufliche Veränderungen, sondern auch andere Bereiche im Leben.

Mein beruflicher Werdegang war schon immer alles andere als linear. Nach ein paar Jahren zog es mich immer wieder in eine andere Richtung. Meine Interessen waren und sind sehr breit gefächert und mich auf eine „Schublade“ festzulegen, liegt mir nicht. Diese beruflichen „Umwege“, empfand ich früher als Makel – ich war mir manchmal selbst zu unstet und anstrengend, weil ich mich immer wieder neu ausrichten, neu erfinden musste. Rückblickend aber waren sie alle notwendig und sinnvoll. Alle beruflichen Richtungswechsel haben zu meiner „Umgebungskenntnis“ und zur Vielfalt in meiner Persönlichkeit beigetragen. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass diese auch herausfordernden Erfahrungen mir entsprechen, sie zu meinen Stärken und zu meinen Fähigkeiten zählen. Ich bin eben viele.

Natürlich braucht es dafür Mut. Vor allem der Ausstritt bei der Polizei, aus einem pragmatisierten Dienstverhältnis bei dem man als Frau genauso viel verdient wie als Mann, verlangte große Überwindung. Aber Mut ist in meiner Welt nicht planlos oder blind, sondern im Idealfall eine zielgerichtete Anspannung. Daher war mir sehr klar, was ich hinter mir lasse und welche Anstrengungen es benötigt, um mir auf lange Sicht ein Sicherheitsgefühl und eine Selbstwirksamkeit zu verschaffen.

Die Meisterprüfung als höchstmögliche Ausbildung für Bestatter in Österreich war so ein Meilenstein auf meinem Weg. Eine Ausbildung aus Trauerbegleiterin und Trauerrednerin folgte. Nur so konnte ich das Abenteuer „Berufswechsel“ als reizvolle Herausforderung annehmen.

Und auch wenn es heißt „Mit Mut fangen die schönsten Abenteuer an“ – wir der dafür nötige im Feuer der Leidenschaft geschmiedet. Ohne Begeisterung und Vision hätte ich nicht den langen Atem, die Veränderung auch in aller Konsequenz durchzuziehen.

Frage MUTmacherinnen: Was versteckt sich hinter der Abkürzung Mst.in?

Mst.in ist die Abkürzung für den Meistertitel in Österreich. Es ist die höchstmögliche Qualifikation im Handwerk und einigen handwerksähnlichen Berufen, zu dem auch die Bestatter gehören. Der Titel dient der Sichtbarkeit von Kompetenz und Leidenschaft für den Beruf und bürgt für meisterliche Qualität.

Frage MUTmacherinnen: Die Bestattungskultur hat sich ja sehr geändert. Früher war so eine klassische Beerdigung ein, wie das Wort ja schon nahelegt, Erdbegräbnis mit anschließender Zehrung. Was sind jetzt die „Trends“, bzw. was war das Ungewöhnlichste, mit dem Sie je konfrontiert wurden?

Der Entwicklung geht klar in die Richtung „Abschied mit Persönlichkeit“ – hin zu einer Trauerfeier, die authentisch den Vorlieben und dem Charakter der Angehörigen entspricht. Das kann das traditionelle christliche Erdbegräbnis mit anschließender Zehrung genauso sein, wie eine Verabschiedung am Sarg mit anschließender Einäscherung oder die individuelle Urnenbeisetzung im kleinen Kreis mit Sprecherin und Blütenblättern statt Erde und Weihwasser. Die Angehörigen fühlen sich immer freier von den gesellschaftlichen Erwartungen und gestalten so einen Abschied, der für sie persönlich stimmig ist und ihnen für ihr weiteres Leben etwas mitgibt. Unsere Aufgabe ist es die Trauerfamilien darin zu unterstützen, einen Abschied zu planen, der ihnen guttut und gleichzeitig den Verstorbenen als sozialem Wesen gerecht wird.

Dabei gilt es mit Entwicklungen besonders bei der Vielfalt an Beisetzungsformen offen und hinterfragend umzugehen und die Familien über die Vor- und Nachteile aufzuklären. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll unter Berücksichtigung aller Bedürfnisse. Es sollen Entscheidungen getroffen werden können, die sich auch Jahre nachher noch stimmig anfühlen. Nur so kann der Abschied zu einer ressourcenvollen Erfahrung mit positivem Nachhall werden, bei dem die Angehörigen die Trauerfeier in ihrer Gesamtheit, bei all der Schwere der Gefühle, insgesamt als versöhnliche, vielleicht sogar bereichernde Lebenserfahrung empfinden.

Besonders berühren mich Trauergespräche in Vorbereitung einer Trauerrede, in denen es nicht um den Lebenslauf, sondern um das Dazwischen, um das, was dieser Mensch in anderen Menschen bewirkt und berührt hat, geht. Das empfinde ich als großes Privileg und Geschenk, das mich auch in meiner Erfahrungswelt unglaublich bewegt und bereichert. Letztendlich geht es eben nicht darum, was man erreicht oder angehäuft hat, sondern darum, welches Gefühl man in anderen Menschen auslöst – idealerweise wie man sie auf seine ganz eigene Art und Weise bereichert und inspiriert hat.

Frage MUTmacherinnen: Sie haben beruflicherseits mit Tod, Trauer, Abschied, Schmerz zu tun. Wo und wie holen Sie sich die Kraft und positive Energie, die Sie ja für sich und die Familie brauchen? Und lernen Bestatter:innen in der Ausbildung auch, wie man sich einerseits professionell abgrenzt, und andererseits trotzdem immer empathisch und mitfühlend bleibt?

Als Bestatterin ist man nicht nur sehr nahe am Tod mit allen seinen Gefühlen, sondern auch sehr nahe am Leben dran und daran, was es in all seiner Intensität ausmacht. Natürlich ist der Anlass ein schmerzvoller, aber wir beschäftigen uns in der Begleitung intensiv mit dem Leben und mit den sehr lebendigen Gefühlen füreinander. Die Kraft für die Aufgabe kommt bei mir stark aus der Bedeutung für die Angehörigen, die sich in dieser Ausnahmesituation vertrauensvoll an uns wenden. Die viele Wertschätzung und die positiven Rückmeldungen bestärken mich natürlich auch und das ist Balsam für die Seele. Ich habe noch in keinem meiner beruflichen Betätigungsfelder so viel Dankbarkeit und Anerkennung erlebt.

Große Inspirationsquelle und Freude ist mir auch das kollegiale und fachliche Miteinander, das wir im Unternehmen pflegen. Wir wählen unsere Mitarbeiter mit großer Sorgfalt aus und beschäftigen Menschen, die mit Herz und Berufung tätig sind. Es ist spürbar, dass sie sich ganz bewusst für diesen besondere Aufgabe beworben und entschieden haben – das macht für mich einen großen Unterschied im Miteinander.

Die Traurigkeit der Angehörigen, die viele als Herausforderung und Belastung vermuten, ist ja im Grunde nichts anderes als ein Zeichen für Liebe und Verbundenheit zu einem Menschen, der ihnen viel bedeutet. Das ist ja an sich schön zu erleben und unglaublich berührend, zu erkennen, dass es letztendlich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen im Leben ankommt, nicht auf das, „Was“ wir waren, sondern auf das „Wie“.

Deshalb halte ich nicht viel von Abgrenzung, das wäre bei uns fehl am Platz, sondern viel mehr von professioneller Nähe, um die Bedürfnisse der Familien wahrnehmen und dementsprechend unterstützen zu können. Die Familie hat nichts davon, wenn ich mitleide, aber sehr wohl etwas davon, wenn ich mitfühle, mein Wissen und Können zur Verfügung stelle und mich in ihre Lage versetze. Zudem habe ich ein großes Vertrauen, dass die Angehörigen ihre Trauer bewältigen und in ein tiefes Gefühl der Verbindung wandeln können. Sie darin zu bestärken und ihren eigenen Weg zu finden, empfinde ich als sehr sinnvolle und erfüllende Aufgabe, die ich sonst noch in keinem meiner beruflichen Betätigungsfelder verspürt habe.

Frau Dobretsberger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview: Claudia Durchschlag. Foto: Sabine Starmayr.

20.04.2026/HE

Name: Mst.in Julia Dobretsberger

Berufliche Position: Bestatterin und Trauerrednerin, Geschäftsführerin Bestattung Dobretsberger GmbH

Familienstand: Glücklich verheiratet, 2 Kinder

Mein Power-Lieblingssong: Pump it – Black Eyed Peas

Meine Leseempfehlung für junge Frauen/Menschen: Ronja Räuberstochter von Astrid Lindgren, mein Kindheitsidol und mutiges Mädchen

Lebensmotto: Geht nicht, gibt’s nicht.

Mein Ausgleich: Familie

Ich in drei Worten: Stier. kreativ. viele.

Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre: Wäre mir ua. automatisches Pensionssplitting ein großes Anliegen, um etwas gegen die entwürdigende Altersarmut von Frauen in Folge von Kinderbetreuung, Teilzeitbeschäftigung und Pflege von Angehörigen vorzugehen.

 

Name
Mst.in Julia Dobretsberger
Familie
Lieblingsort
Lebensmotto
Mein Ausgleich
Ich in drei Worten
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre