Frage MUTmacherinnen: Kreditschutzverband klingt für jemanden, der sich mit dieser Thematik nicht auskennt, wahrscheinlich eher trocken. Erzählen Sie uns bitte ein bisschen über diese Arbeit und Ihren Zugang, auch den emotionalen, dazu!
Im Insolvenzbereich des Kreditschutzverbandes (KSV1870) liegt mein Fokus darauf, Unternehmen und Gläubiger bei der Bewältigung von Insolvenzfällen bestmöglich zu unterstützen. Meine Aufgabe ist es, betroffene Gläubiger über die Insolvenz transparent zu informieren, rechtliche Rahmenbedingungen zu erläutern und unsere Auftraggeber bestmöglich im Insolvenzverfahren zu vertreten. Ziel ist es den wirtschaftlichen Schaden für die Betroffenen zu begrenzen und gute Lösungen mit den Schuldnerfirmen auszuverhandeln. Dabei arbeite ich mit verschiedenen Stakeholdern zusammen – von Geschäftsführungen der Schuldnerfirmen, Anwälten der Schuldnerseite, Gläubigern und Insolvenzverwaltern – um Lösungen zu finden, die für alle Seiten fair und praktikabel sind. Besonders wichtig ist mir, auch in schwierigen Situationen Ruhe und Orientierung zu geben und den Beteiligten Mut zu machen, den oft herausfordernden Weg der Insolvenz konstruktiv zu gestalten. Mein Ansatz ist es, mit Professionalität, Empathie und klarer Kommunikation eine Brücke zwischen den Interessen zu bauen und dabei immer die langfristig wirtschaftliche Stabilität im Blick zu behalten.
Als Standortleiterin beim KSV1870 sehe ich meine Hauptaufgabe darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin das Gefühl hat: Hier kann ich wachsen, mich entfalten und meine Stärken einzubringen. Mut bedeutet für mich, nicht nur Herausforderungen anzunehmen, sondern auch andere zu ermutigen, ihre Komfortzone zu verlassen und gemeinsam Großes zu erreichen. Ich glaube daran, dass ein starkes Team nur entsteht, wenn Vertrauen und Respekt die Basis bilden – und genau daran arbeite ich jeden Tag. Ich motiviere alle, ihre Ideen offen zu teilen und Fehler als Chance zu sehen. Denn Mut ist für mich auch, den Blick nach vorne zu richten, auch wenn der Weg mal steinig ist. So gelingt es uns als Standort auch menschlich zu wachsen.
Frage MUTmacherinnen: Sie sind studierte Betriebswirtin. Da denkt man ja eher an „die andere“ Seite – also die Wirtschaftsbetriebe. Jetzt arbeiten Sie aber für diejenigen, die durch Wirtschaftsbetriebe eben Gefahr laufen, geschädigt zu werden. Wie war Ihr Weg vom Betriebswirtschaftsstudium zu eben dieser Seite?
Nach meinem BWL-Studium auf der JKU Linz mit den Schwerpunkten Organisation und Rechnungswesen war ich zunächst bei einem Schweizer Unternehmen beschäftigt, welches den Fokus hatte in Österreich ein Franchise-Filialnetz für Lasergravur-Stempel zu etablieren. Der Pilot-Shop in Linz gab mir Möglichkeit als Assistentin des Geschäftsführers das Handwerk von der Pike auf zu lernen, Kontakt mit Kunden zu haben und Marketing-Projekte gemeinsam mit dem Geschäftsführer umzusetzen. Leider wurden für den Schweizer Konzern die Erwartungen in den österreichischen Markt nicht erfüllt und die Geschäftstätigkeiten in Österreich wurden Ende 1995 beendet.
Ich habe mich auf eine Stellenanzeige des KSV1870 für eine Insolvenzreferentin beworben. Mit der Einführung des Privatkonkurses 1995 wurde Verstärkung benötigt, dies war meine Chance im Februar 1996 im Insolvenzbereich des KSV1870 Linz mitzuarbeiten.
Ich empfinde es als Privileg die Insolvenzen in Oberösterreich mitbetreuen und Einblick in so viele unterschiedliche Branchen gewinnen zu dürfen. Die Arbeit machte mir von Monat zu Monat mehr Spaß und ich kann mir keine schönere Aufgabe vorstellen.
Als Standortleiterin bringe ich heute nicht nur mein Fachwissen ein, sondern auch meine Fähigkeit, Menschen zu motivieren, Prozesse zu optimieren und ein starkes Team zu formen. Mein betriebswirtschaftlicher Hintergrund hilft mir dabei, strategisch zu denken und den Standort wirtschaftlich erfolgreich zu führen. So bringe ich meine Stärken ideal ein und gestalte unseren Standort mit Herz und Verstand.
Frage MUTmacherinnen: Sie sind für die Bundesländer OÖ und Salzburg zuständig. Da gab und gibt es ja gerade auch in letzter Zeit einige durchaus prominente Insolvenzverfahren, denken wir nur an den Fall KTM. Da gibt es sicher auch einen entsprechenden öffentlichen Druck. Haben Sie da bereits erprobte Strategien, wie Sie damit umgehen?
Das Sanierungsverfahren KTM war eine große Herausforderung für das Linzer Insolvenzteam des KSV1870. Ende November 2024 wurde das Verfahren eröffnet. Wir haben 2000 nationale und internationale Gläubiger von der Insolvenz informiert und unsere Unterstützung und Vertretung im Insolvenzverfahren angeboten. Wir haben weltweit Korrespondenzen bis nach Indien, China und USA geführt und die Insolvenzforderungen der Gläubiger bis zur gerichtliche Anmeldefrist 16.01.2025 angemeldet. Das Linzer KSV1870-Team hat die Weihnachtsurlaube storniert, um für die Gläubiger in dieser herausfordernden Situation bestmöglich da zu sein und die Forderungen fristgerecht anzumelden.
Großinsolvenzen wie KTM sind nicht nur wirtschaftliche, sondern immer auch menschliche Herausforderungen, man denke nur an die vielen betroffenen Beschäftigten und Zulieferer. Öffentlicher Druck ist dabei unvermeidlich – und genau hier ist es wichtig, Haltung zu bewahren. Für mich bedeutet das, offen und ehrlich zu kommunizieren, ohne unnötige Ängste zu schüren. Ich benenne die Fakten, erkläre die nächsten Schritte und mache deutlich, welche Chancen in einer Sanierung liegen. Ich nehme die Sorgen von Gläubigern, Mitarbeiterinnen, Partnern und der Öffentlichkeit ernst. Gleichzeitig halte ich den Fokus auf Lösungen, nicht auf Probleme.
Frage MUTmacherinnen: Wenn man, so wie Sie, viel mit Verlusten und Scheitern zu tun hat, gibt es Tipps für unsere Leserinnen, was ihr finanzielles Leben angeht?
- Überblick statt Überraschung: Kenne Deine Einnahmen und Ausgaben. Wer seine Zahlen kennt, hat Kontrolle statt Stress.
- Frühzeitig handeln: Bei finanziellen Problemen nicht warten, bis Mahnungen kommen – je früher man reagiert, desto größer die Spielräume.
- Rücklagen schaffen: Auch kleine Beträge zählen. 50 Euro im Monat schaffen nach einem Jahr schon 600 Euro Sicherheit.
- Klare Prioritäten setzen: Wichtige Fixkosten (Miete, Strom, Lebensmittel) zuerst sichern, dann den Rest planen.
- Hilfe annehmen: Aktiv Lösungen suchen – Ratenvereinbarungen, Beratung, Konsolidierung.
- Wissen ist Vorsorge: Finanzbildung lohnt sich: Verstehen wie Kredite, Zinsen und Verträge funktionieren, schützt vor teuren Fehlern.
Finanzielle Stärke beginnt mit Klarheit, Wissen und der Bereitschaft rechtzeitig zu handeln.
Frage MUTmacherinnen: Sie haben in Ihrer Laufbahn schon viele Firmen bzw. Menschen scheitern gesehen. Gibt es im Umgang mit diesem Scheitern einen Unterschied zwischen Frauen und Männern, und wenn ja, welche(n)?
Es gibt tatsächlich Unterschiede darin, wie Männer und Frauen mit dem Thema Scheitern umgehen. Frauen neigen aus meiner Wahrnehmung dazu, Misserfolge stärker sich selbst zuzuschreiben („Ich war nicht gut genug“), auch wenn äußere Faktoren eine Rolle spielen. Männer sehen das Scheitern häufiger als Ergebnis äußerer Umstände („Das Umfeld/ der Markt war schuld“).
In unserer letzten österreichweiten Analyse sind Frauen weniger stark von Insolvenzen betroffen als Männer. 2021 wurden 37 Prozent der Verfahren von Frauen angemeldet und 63 Prozent von Männern. Die Ursachen der Verschuldung von Frauen liegen in den Lasten der Familie (vor allem aus der Übernahme von Haftungen), Einkommensverschlechterung, Unterhaltspflichten und dem harten Los der Alleinerzieherinnen begründet. Bei Männern ist es anders: Ihre Schulden lassen sich primär auf ehemalige Selbständigkeit und Arbeitslosigkeit zurückführen. Im Vergleich neigen Männer eher zu risikobehaftetem Verhalten (Drogen, Spekulation usw.), das in einer finanziellen Misere endet, wie die Insolvenzdaten belegen.
Frage MUTmacherinnen: Es gibt aber auch ein Leben außerhalb des Berufs. Was sind die Dinge, bei denen Sie, gerade auch in Fällen mit starker Öffentlichkeitswirkung, so abschalten können, dass Sie einige Stunden nicht an Berufliches denken?
Als Standortleiterin des KSV1870 bin ich den ganzen Tag mit Entscheidungen, Zahlen und Menschen beschäftigt – da ist Abschalten für mich extrem wichtig.
Ich liebe Reisen, kann aber auch gut Abschalten in der frischen Luft, beim Laufen oder Radeln entlang der Donau, beim Wandern im Mühlviertel und im Salzkammergut oder einfach bei einer guten Tasse Kaffee auf der Terrasse. Manchmal reicht aber auch ein gemütlicher Abend mit Freunden, gutem Essen und herzhaftem Lachen, perfekt um die Akkus wieder aufzuladen.
Für mich ist Abschalten wichtig, damit ich im Job wieder voller Energie bin – denn nur wer gut für sich sorgt, kann auch für andere stark sein.
27.8.2025
Name: Mag.a Petra Wögerbauer
Familienstatus: aktuell Single – sehr erfüllt durch meine Arbeit, meine Freunde und Projekte
Mein Power-Lieblingssong: I am from Austria (Rainhard Fendrich)
Meine Lese-Empfehlung für junge Frauen/Menschen: Diese wilde Freude in mir (Samantha Silva) – ein bewegender Tribut an Mary Wollstonecraft, Vorreiterin der Frauenbewegung im 18. Jahrhundert und Mutter von Mary Shelley, welche später als Autorin von >Frankenstein< Weltruhm erlangte.
Lebensmotto: Wenn man Gedanken verändert, verändert man die Welt
Mein Ausgleich: Bergwandern, Natur, Reisen, Gespräche mit guten Freunden
Ich in drei Worten: Empathisch – Entschlossen – Lebensfroh
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre: Ich würde diesen Tag nutzen, um ein starkes Signal für Chancengleichheit zu setzen in Bildung und Beruf. Jede Frau und jedes Mädchen soll wissen: Deine Stimme zählt, verfolge konsequent deine Ziele, deine Träume sind umsetzbar. |