Dr.in

Charlotte Herman

Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) OÖ

Dr.in Charlotte Herman kennt als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) OÖ sowohl das Leben im „Hoamatland“ Oberösterreich, als auch das im Staat Israel. Die ausgebildete Zahnärztin und Mutter von drei Söhnen muss erleben, dass das „nie wieder“, auf das sich die Gesellschaft nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs mühevoll geeinigt hat, davon bedroht ist, nach nicht einmal 90 Jahren bereits wieder vergessen zu werden. Ihrer Aufgabe als Vertretung der Jüdinnen und Juden in Oberösterreich geht sie deshalb mit noch viel mehr Leidenschaft und Verantwortungsbewusstsein nach.

Foto: Hermine Eder

Interview

Frage MUTmacherinnen: Frau Herman, bitte erzählen Sie uns zuerst ein bisschen was aus Ihrem Leben und wie Sie zur Position der Präsidentin der IKG OÖ gekommen sind.

Charlotte Herman: Ich bin in Linz geboren. Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall als ich 5 Jahre alt war. Ich habe 1977 an der Hamerlingschule maturiert. Danach ging ich zum Studium nach Israel, wo schon meine 10 und 11 Jahre älteren Geschwister – ein Bruder und eine Schwester – lebten. Ich studierte Zahnmedizin, heiratete und bekam drei Söhne. Infolge des Golfkrieges beschlossen wir im Sommer 1991 nach Österreich zurückzukehren. Seit meiner Jugend war ich mit der jüdischen Gemeinde und Synagoge verbunden. Bei meiner Rückkehr engagierte ich mich wieder, war im Vorstand tätig. Als der langjährige Präsident Ing. George Wozasek aus gesundheitlichen Gründen zurück trat, wurde ich gewählt.

Frage MUTmacherinnen: Sie mussten in den letzten Jahren sowohl das barbarische Massaker an feiernden jüdischen Menschen am 7. Oktober 2023 als auch den wieder erstarkenden Antisemitismus miterleben. Was macht das mit Ihnen persönlich, aber auch mit Ihrer Gemeinde?

Charlotte Herman: Der 7.10.2023 war ein traumatisches Ereignis, das man nicht beschreiben kann. Dieses Trauma hält in der jüdischen Bevölkerung weltweit an. Da ich in Israel noch Familie habe, und ich daher immer wieder nach Israel reise, habe ich einen sehr persönlichen Bezug zu all den Geschehnissen. Und nach so einem schrecklichen Verbrechen wieder einen derartigen Anstieg an Antisemitismus zu erleben, macht einen sprachlos, traurig und gleichzeitig wütend. So erleben es alle in unserer Gemeinde.

Frage MUTmacherinnen: Der Antisemitismus ist eine Gefahr, die von verschiedenen Seiten kommt. Wie erwartbar als rechte Geisteshaltung, aber immer sichtbarer auch von linker und natürlich von extremistischer muslimischer Seite. Wie sehr musste der Schutz der Synagoge und anderer jüdischer Einrichtungen verstärkt werden? Und wie steht es grundsätzlich um die Unterstützung von Seiten der Behörden?

Charlotte Herman: Sie haben in Ihrer Frage vollkommen richtig erwähnt, dass der Antisemitismus aus verschiedenen Richtungen kommt. Das ist sehr wichtig zu betonen, denn es gibt noch sehr viele, die den Antisemitismus nur von Rechtsextremen als solchen anerkennen und der aus anderen Richtungen wird oft „kleingeredet“ oder aus Gründen der „politischen Korrektheit“ ignoriert. Das ist definitiv falsch und äußerst gefährlich.

Gleich nach dem 7. Oktober 2023 haben die DSN (Anm.: Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst) und die Polizei schnell reagiert. Die Polizei hat von sich aus die Bewachung aufgestockt. Zu Beginn gab es sogar ein 24 Stunden Bewachung. Da wurde sehr schnell reagiert, was sehr lobenswert ist. Auch unsere private Security-Firma ist seither in höchster Alarmbereitschaft.

Frage MUTmacherinnen: Wie schaut ein typischer Arbeitstag der Präsidentin der IKG OÖ Charlotte Herman aus?

Charlotte Herman: Meine Aufgaben sind sehr unterschiedlich. Einerseits bin ich für Organisatorisches zuständig. Das beinhaltet religiöse und nicht-religiöse Veranstaltungen in der Synagoge, die von mir geplant und koordiniert werden. Vor allem bei den nicht religiösen Veranstaltungen – Lesungen, Konzerte usw.- in der Synagoge bin ich persönlich sehr involviert.

Außerdem mache ich immer wieder Führungen in der Synagoge, sowohl mit Erwachsenen, als auch mit Schülergruppen. Das ist eine sehr wichtige Vermittlungsarbeit. Zusätzlich bin ich bei diversen Veranstaltungen in ganz Oberösterreich in einer repräsentativen Funktion anwesend. Oft nur als Gast, aber immer wieder auch als Referentin oder zumindest mit Grußworten. Die Anzahl der Wochenarbeitsstunden ist sehr unterschiedlich, da gibt es auch kein Limit. Des Öfteren habe ich auch Veranstaltungen in Wien.

Frage MUTmacherinnen: In einigen europäischen Ländern gibt es leider durchaus wieder Auswanderungsbestrebungen jüdischer Familien und Einzelpersonen. Wie ist da die Situation in Österreich, speziell OÖ und wie gehen Sie als Glaubensvertreterin damit um?

Charlotte Herman: Das ist ein sehr trauriger Punkt. Diese Gedanken „schwirren“ bei manchen herum, aber kaum eine will das wirklich.

Würden das viele tun, dann wäre es genau das, was Hitler wollte, was alle Antisemiten wollen – ein judenfreies Land. Das DARF man nicht zulassen. Interessant ist nur: die Antisemiten wollen, dass die Juden gehen, aber sie sind es oft auch, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennen. Also WOHIN sollen die Juden dann gehen?

Weltweit, um auf Ihre Frage zurückzukommen, gibt es allerdings eine große Auswanderungswelle nach Israel. Wenn man überlegt, dass Menschen lieber in ein Land auswandern, das ständig im Krieg ist und man mit Terroranschlägen leben muss, als in Ländern zu leben, wo der Antisemitismus eskaliert, ist das eigentlich paradox. Aber es ist eine Tatsache. Und es ist alarmierend.

Frage MUTmacherinnen: Was ist für Sie das erfüllendste jüdische Fest, und wie feiern Sie es am liebsten?

Charlotte Herman: Mehrere Feste haben etwas Erfüllendes und Besonderes. Vor allem sind es unser Neujahrsfest – Rosch ha Shana, der Versöhnungstag – Yom Kippur, Chanukka, das Lichterfest sowie Pessach. Das sind die Feiertage, die am meisten in der Familie gelebt, gefeiert werden. Es gibt dann immer die typischen Speisen, passend zu den Feiertagen. Chanukka z.B. Krapfen, weil da Speisen, die in Öl gebraten werden, gegessen werden.

Frage MUTmacherinnen: In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 jährt sich die sogenannte Reichspogromnacht zum 88 Mal. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis im Kontext der heutigen Entwicklungen noch?

Charlotte Herman: Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte, wollen nicht lernen, so macht es den Anschein. Immer wieder gibt es Ereignisse heutzutage, wo einem schon der Gedanke kommt: „hat das alles vor 88 Jahren auch so angefangen?“. Denn auch vor 88 Jahren haben viele gesagt „so schlimm wird es schon nicht werden“. Und sie haben sich sehr geirrt, es wurde nämlich noch schlimmer, als man es sich hätte vorstellen können. Das DARF keinesfalls wieder so werden.

Frage MUTmacherinnen: Was bedeutet persönlicher MUT für Sie in Zeiten wie diesen?

Charlotte Herman: Hinschauen, hinhören, handeln und nicht schweigen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wegschauen und schweigen sind Zustimmung zu Unrecht. Darüber muss man sich klar sein.

Oktober 2026 / Interview: Claudia Durchschlag

Aktuelle Position beruflich: Präsidentin der IKG OÖ

Familienstand: verheiratet, drei Söhne

Meine Power-Lieblingssongs: „Mi She ma´amin lo mefached” – ein hebräisches Lied über Glaube, Kraft und Zusammenhalt, dessen Tempo auch sehr kraftvoll ist.

Meine Lese-Empfehlung für junge Frauen/Menschen: das Buch „Lachen, Weinen, Hoffnung schenken“ von Paul Chaim Eisenberg

Lebensmotto: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Mein Ausgleich: Gartenarbeit, Krimis anschauen

Ich in drei Worten: loyal, humorvoll, hasse Lügen

Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre: Umsetzung gleiches Gehalt für Frauen und Männer für gleiche Tätigkeit. Denn da beginnt Gleichberechtigung wirklich. Kinderbetreuungsplätze in der Nähe vom Arbeitsplatz, optimal wären genug eigene Betriebskindergärten, die zur Verfügung stehen.

 

Name
Dr.in Charlotte Herman
Familie
Lieblingsort
Lebensmotto
Mein Ausgleich
Ich in drei Worten
Wenn ich einen Tag Frauenministerin wäre